Franzbrötchen

Herr B mag gerne Franzbrötchen. Die kann man bei vielen Bäckern in Hamburg kaufen. Und es ist gut, wenn, was er gerne isst von verschiedenen Bäckern angeboten wird. Aber so, wie es die Bäcker in Hamburg machen, ist es Herrn B überhaupt nicht recht. Streng genommen sind die meisten der unter diesem Namen angebotenen Backwaren gar keine Franzbrötchen. Aber wer kann entscheiden, welches die echten Franzbrötchen sind?

Das ist eine in Herrn Bs Augen höchst theoretische Frage, also möchte er sich ihr eigentlich nicht widmen. Doch er hat sich vorgenommen, „seine" Variante von Franzbrötchen in der Backwarenwelt zu fördern und dazu muss er sich, das fand er heraus, darüber im Klaren sein, was denn seine Variante ist. Wie er das herausfinden sollte, blieb ihm lange ein Rätsel, bis er mit einem Freund darüber sprach.

„Vielleicht hat ein Hamburger hinsichtlich der Franzbrötchen einen blinden Fleck", meinte der Freund, denn er fand den Plan, den die beiden entwarfen, recht einfach – und er lebte in einer anderen Stadt.

„Es liegt liegt wohl eher daran, dass du in der Forschung arbeitest", erwiderte Herr B, der die Vermutung eines blinden Flecks nicht so leicht auf sich beruhen lässt.

Das Forschungsvorhaben hatte einen Feldforschungs- und einen Erfahrungsanteil. Herr B wollte zum einen versuchen herauszufinden, welche Unterschiede es zwischen all den angebotenen Backwaren mit Namen „Franzbrötchen" gab und welche Aspekte für ihn erfüllt sein müssen, damit er sie selber als „Franzbrötchen" bezeichnen kann. Das schien ihm ein tüchtiges Stück Arbeit zu werden, und ihm gefiel der Erfahrungsteil besser: Er wollte auch das Backen von Franzbrötchen erlernen. Und da er selber nicht backen kann, holte er sich das Versprechen von Frau A, ihm dabei zu helfen.

Um die Franzbrötchen-Feldforschung erfolgreich durchführen zu können, empfahl ihm der Freund, systematisch vorzugehen. So nahm sich Herr B als erstes vor, Bäckerläden aufzuschreiben, in denen es Franzbrötchen gab. Das war recht schön, denn er machte sich dafür mehrmals zu Spaziergängen in verschiedenen Stadtteilen auf und suchte dort mit Adleraugen Bäcker, die sich teilweise in den verstecktesten Ecken aufhielten. An den Hauptstraßen, stellte er schnell fest, gab es immer die gleichen, fast wollte er sagen, dieselben Bäcker, denn außer den Verkäuferinnen glichen die Läden einzelner Ketten einander bis hin zur Anordnung der Brote im Regal. Um jeden größeren U-Bahnhof herum gab es mindestens drei Kettenvertreter. Dieser Umstand veranlasste Herrn B, seinen Bäckerermittlungsplan zu verkürzen – zugunsten des zweiten Schritts: Er ermittelte die verschiedenen Varianten der Franzbrötchen. Das war einfach für die Ketten und schwierig bei den kleinen Läden, denn von letzteren gab es nur wenige, sie waren die Versteckten und... Herr B hatte einfach keine Lust, weiter nach ihnen zu suchen. So nahm er nach einem kurzen Telefonat mit seinem Freund diese Lücke in kauf.

Das Ergebnis seiner Feldforschung war überraschend. Da es gar nicht viele verschiedene Bäcker gab, gab es viel weniger verschiedene Franzbrötchensorten als er sich vorgestellt hatte. Denn er hatte ursprünglich vermutet, dass mindestens jeder dritte Laden andere Sorten hätte. Sein Freund lachte, als er davon hörte, und bezeichnete Herrn B als naiv. Er nahm es hin, denn immerhin war es sein erster Feldversuch.

Die Unterschiede zwischen den Sorten waren zweierlei. Erstes Merkmal: Manche Sorten waren aus Hefe- andere aus Blätterteig. Ein Blätterteig-Bäcker hatte keine mit Hefeteig und umgekehrt. Der Freund nannte das „zwei Grundrezepte". Das stimmte mit den Beobachtungen von Herr B überein: er fand hier nämlich den ersten Grund, warum er einen Teil der Franzbrötchenwelt als falsch benannt empfand. „Ein Franzbrötchen aus Blätterteig ist keines", schrieb er als erstes Ergebnis in seinen regelmäßigen Forschungsbericht an den Freund. Der antwortete darauf lapidar „Wenn du meinst".

„Wenn es ein Grundrezept gibt, dann gibt es auch Aufbaurezepte", entschied Herr B. Nun ging es darum, was den sogenannten Franzbrötchen Zusätzliches beigemischt wurde. Schnell merkte er, dass es besonders diese Aufbauvarianten waren, die ihn vorher so geärgert hatten. Es gab einige davon: Rosinen, Streusel, Nußcreme, Marzipan, Marmelade. „Fehlt nur noch, dass die da Schinken reinbacken", ärgerte er sich, als ihm eine Verkäuferin ernsthaft Franzbrötchen mit Nüssen anbot.

Das Ergebnis schien also vorzuliegen: „Echte Franzbrötchen sind solche, die mit Hefeteig gebacken sind und keine fremden Zusätze haben." Das schrieb Herr B seinem Freund in einem langen Brief, und er schrieb weiter: „Aber so einfach ist das nicht, mein Lieber. Denn auch solche Franzbrötchen sind nicht alle gut. Mal sind sie zu süß, mal zu matschig und manchmal sind sie zu trocken, mitunter sogar knochenhart. Kann man bei den zuckertriefenden Stücken noch von Franzbrötchen sprechen? Ich finde sie jedenfalls scheußlich."

Die Antwort, die sein wissenschaftlicher Freund ihm darauf gab, war überraschend. „Du musst selbst entscheiden, was für dich die echten Franzbrötchen sind. Das kann dir keiner abnehmen."

„Wieso? Ich habe doch wissenschaftliche Forschung betrieben, um heraus zu bekommen, was die echten Franzbrötchen sind." Herr B rief seinen Freund sofort nach Erhalt des Antwortbriefs an. „Und nun soll ich es selbst entscheiden?"

„Ja sicher, das Programm der Feldforschung war doch nur dazu da, herauszubekommen, was der Franzbrötchenmarkt anbietet. Du beschwertest dich darüber, dass die Bäcker etwas benennen, wie du es nicht für richtig hältst und nun bist du in der Lage, zu erkennen, warum du manches Gebackenes für Franzbrötchen hältst und anderes nicht. Du kannst entscheiden, was nach deiner Meinung so genannt werden sollte und dann kannst du mit den Bäckern diskutieren."

Herr B schwieg. Er hatte noch gar nicht gedacht, das mit den Bäckern zu diskutieren, fand die Idee aber gut.

„Weißt du was, ich werde mich erst mal an den zweiten Teil unseres Plans heranmachen. Der ist mir sowieso der Liebere."

„Hast du denn schon ein Rezept?"

Schon wieder war Herr B verunsichert, denn auch daran hatte daran noch nicht gedacht. Blätterteig oder Hefeteig und keine Aufbauzutaten, das wusste er. Aber wie man die Dinger backt, war ihm völlig unklar. Hoffentlich wusste Frau A das.

„Ja, ich habe eines." Herr B wollte sich vor dem Wissenschaftsfreund diese Blöße nicht auch noch geben.

Am nächsten Tag gab er sich einen Ruck und klingelte bei Frau A an. „Guten Tag, Frau A, ich habe einen Überfall auf Sie..."

„Ach Herr B, nett, dass Sie sich melden. Wann wollen wir denn loslegen?" Herr B war so erstaunt über den Überfall ihrerseits, dass er zunächst nicht wusste, ob sie das Gleiche meinte wie er. Doch sie nahm ihm sofort die Klärung ab: „Ich habe drei Rezepte für Franzbrötchen gefunden, die sind aber alle gleich."

Herr B grinste vor Freude. „Die sind doch bestimmt alle mit Hefeteig, nicht wahr? Die mag ich nämlich am liebsten."

„Ja, das hat mich gewundert, ich dachte, Franzbrötchen wären immer mit Blätterteig."

„Nein, das sind nicht die echten. Die echten Franzbrötchen sind immer mit Hefeteig." Er versuchte, möglichst viel Bestimmtheit in seine Sätze zu bringen. Immerhin war das, was er da sagte, sein Forschungsergebnis – untermauert mit seiner wissenschaftlichen Benennungsentscheidung.

„Woher sie das alles wissen", konnte Frau A nur erwidern und Herrn Bs Brust schwoll ein wenig an.

Nun musste nur noch verabredet werden, wann gebacken werden sollte. Herr B hätte am liebsten sofort begonnen, doch er hielt sich zurück. „Wann es ihnen recht ist, Frau A."

„Ach mir ist das eigentlich gleich. Sagen wir am Sonntag?"

„Ja." Ihm war eben jeder Tag recht. „Müssen wir denn noch etwas besorgen? Sie haben ja das Rezept."

„Ich habe alles da bis auf – können Sie vielleicht einen Würfel Hefe besorgen?"

Herr B hatte noch nie Hefe gekauft, er wusste auch nicht, wo er ausgerechnet einen Würfel – warum nicht eine Kugel oder eine Tüte oder Schachtel? – bekommen würde, aber er sagte natürlich zu.

Sie verabredeten sich also für den kommenden Sonntag, heute war Mittwoch und somit hatte Herr B noch drei Tage der Vorfreude. Aber er wollte die Wissenschaftlichkeit wahren und rief abermals seinen Freund an, um sich beraten zu lassen, wie er denn beim Backen möglichst wissenschaftlich vorgehen könne.

„Das ist nicht einfach", antwortete der Freund, „lass mich überlegen. Du musst..." - Und dann folgte eine Weile gar nichts. „Weißt du was, ich werde dazu einen amerikanischen Kollegen konsultieren, der hat vor drei Jahren was ähnliches gemacht. Ich rufe dich morgen wieder an."

Das reichte aus, so konnte Herr B endlich einmal wieder in aller Ruhe in den Stadtpark gehen, was er zu einem ausgedehnten Spaziergang nutzte.

Der Freund rief am folgenden Nachmittag an. „Also, mein amerikanischer Kollege hat versucht, herauszubekommen, warum ein unglaublich erfolgreicher Muffin-Laden in San Francisco so gute Muffins backt. So viel wusste ich bis gestern. Leider fand der Kollege nichts heraus, weil der Laden wegen illegaler Spiele im Hinterzimmer geschlossen werden musste. Es hat sogar Demonstrationen dagegen gegeben. Der letzte Versuch des Kollegen war, die Demonstranten zu befragen, aber die hielten ihn für einen Spitzel der Polizei und verjagten ihn."

„Tja, das hilft mir denn wohl nicht viel weiter. Aber ich danke dir. Hoffentlich sind die anderen Forschungen deines Kollegen erfolgreicher." Herr B wunderte sich ein wenig, womit sich die Wissenschaftler heutzutage beschäftigen. „Aber bei den Amerikanern ist ja vieles möglich", beruhigte er sich.

Offen blieb die Frage, wie er möglichst wissenschaftlich mit Frau A Franzbrötchen backen konnte. Sein Problem war, dass er noch nicht einmal musste, was man alles beim Franzbrötchenbacken tun musste. Er entschied, dass ihm nichts anderes übrig blieb als den kommenden Sonntag abzuwarten. Vielleicht würde es ein zweites Backtreffen geben, auf das er sich dann besser vorbereiten wollte.

Der Sonntag entwickelte sich anders, als er erwartet hatte. Es war sehr schönes Wetter und Herr B schlug Frau A vor, zunächst im Stadtpark spazieren zu gehen. Der Spaziergang – eine seltene Unternehmung zwischen den beiden, denn normalerweise sahen sie sich nur im Haus – wurde sehr lang. Sie kamen erst am späten Mittag nach Hause. Frau A war am Nachmittag bereits zum Kino verabredet, und ein kurzer Blick in das Rezept verriet: an diesem Tag hätte Herr B die Franzbrötchen zur Hälfte alleine backen müssen und das wollte er nicht. Sie verabredeten sich zum nächsten Sonntag.

„Hält denn die Hefe bis dann?" Als Frau A diese Frage stellte, bekam Herr B einen heftigen Schrecken. Die Hefe hatte er vergessen. Das war ihm sehr unangenehm. Er versprach, es zum nächsten Sonntag nicht zu vergessen.

Gleich am Montag erkundigte er sich beim Kioskverkäufer danach, wo man Hefe kaufen könne. Der rief seine Frau an, die ihm sagte, in jedem Supermarkt. Beide waren überrascht.

Im Supermarkt ging Herr B mehrmals alle Regale durch, bis er sich schließlich entschloss, eine Verkäuferin zu fragen.

„Hefe, die haben wir...", sie ging forsch an den Kühlregalen entlang, ging wieder zurück, dann erneut zu einer Stelle, an der einige Käseprodukte auslagen, bis sie schließlich auf eine etwa fünf Zentimeter breite Lücke wies „... hier. Normalerweise. Kommt morgen wieder."

„Haben Sie die auch in Würfeln?" Herr B erinnerte sich an die merkwürdige Form, von der Frau A sprach. Die Verkäuferin hielt die Frage offenbar für einen Scherz, sie lächelte kurz und ging wieder zum Regal, an dem Herr B sie angesprochen hatte.

Im nächsten Supermarkt fand Herr B selbst die Hefe und jetzt wusste er auch, was Hefewürfel sind. Er kaufte fünf davon, weil er nicht wusste, wie viel sie brauchen würden. Warum jedes Stück laut Aufschrift genau 42 Gramm wog, nahm er sich vor, Frau A zu fragen. Er hatte sich nicht vorgestellt, dass Franzbrötchen im Grunde aus Würfeln bestehen.

Der Sonntag kam, diesmal regnete es und somit konnten die beiden endlich backen. Hefewürfel scheinen für Frauen etwas Lustiges an sich zu haben. Jedenfalls lächelte jetzt Frau A, als er stolz die fünf Würfel auf den Küchentisch legte.

Das Rezept war nicht ganz einfach zu verstehen. Da sollte etwas gerührt, dann genudelt und aufgrollt und dann mit einer Spitze eingedrückt werden. „Ich bin eben doch kein Theoretiker", vermutete Herr B. „das werde ich erst verstehen, wenn ich es tue."

„Vielleicht können Sie es ja dann besser aufschreiben, es sozusagen in die Theorie umsetzen." Frau A lag damit gar nicht so falsch, denn Herr B hatte sich vorgenommen, das Rezept für die richtigen Franzbrötchen aufzuschreiben. Vielleicht würde er es dereinst den Bäckereien vorlegen, um auf diese Weise für das echte Franzbrötchen einzutreten. Dessen Rezept hatten manche Bäckereien offenbar bereits verlegt.

Allerdings bereitete das Backen selbst Herrn B nicht allzuviel Spaß. Er mag es nicht, wenn seine Hände bei jedem zweiten Arbeitsschritt erneut schmutzig werden. Zumal er sie immer wieder abwaschen muss, weil man der Hefe, wie er lernte, immer wieder Zeit zum Ausruhen lassen muss. Frau A nannte es „gehen lassen" und das war Herrn B durchaus sympathisch, denn er will ja auch, dass man ihn ab und zu gehen lässt, allerdings im Stadtpark und nicht in einer Plastikschüssel.

Die Backwerke genossen die beiden noch am selben Nachmittag. Dabei diskutierten sie, in welcher Zubereitung Franzbrötchen am besten schmecken.

„Herr B, nach allem, was Sie mir über die echten Franzbrötchen erzählt haben, kann es doch gar nicht sein, dass Sie sie am liebsten mit Butter bestrichen mögen."

Erklären konnte er diesen Widerspruch nicht, er lächelte nur und nahm sich ein drittes Franzbrötchen.

„Sie essen die Dinger ja auch mit Rosinen. Es kann sein, dass man in so einem Fall nicht frei über Butter oder nicht Butter urteilen kann, sozusagen einen Blinden Fleck hat", erklärte er kauend.

(c) 2001 Manfred Beseler